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PEACE - the world outside is real
Auftragswerk für die Schaubühne am Lehniner Platz (Berlin)
Eine große Agentur der neuen Mitte - neue Kriege und Krisen werden hier vermarktet - Deutschland ist das erste Mal seit dem zweiten Weltkrieg wieder im Einsatz - und die Produktion und Fälschung der Bilder, die an der Homefront für den Einsatz werben, sind der neue lukrative Markt geworden.

Die Figuren
LAURA - etwa 30, AGENTURLEITERIN, eine gehetzte Frau, die versucht, nicht zusammenzubrechen, und die jedes Gefühl dafür, was Frieden sein könnte, verloren hat.
MARCO - etwa 30, PERFORMANCE ARTIST, der nach etwas sucht, das er nicht findet. Er hat sich auf Gewalt, Zerstörung, Vernichtung spezialisiert, alles Militärische fasziniert ihn.
MARC - etwa 25, ein JUNGE, an dem jeder interessiert ist und der entschlossen auf jede Krisensituation zusteuert, die sich ihm anbietet. Er probiert ab und an ein paar Jobs aus, solange sie ihn interessieren, findet aber in sich und der Welt keine zusammenhängende Linie, der er nachspüren könnte, das jeweils intensivste und exzessivste Szenario zieht ihn an, bis zu dem Punkt, daß er einfach nur noch in Ruhe gelassen werden will.
STEFAN - zwischen 30 und 40, ein FOTOJOURNALIST mit vielen Auszeichnungen. Er wirkt wie ein Dealer, der den Stoff, Hardcorematerial aus den unterschiedlichsten Kriegsgebieten, für alle besorgt.
WOLFGANG - zwischen 30 und 40, ein aufrichtiger JOURNALIST, dem allmählich alle Begriffe dafür, wie man mit welcher Haltung auf welches politische Ereignis reagieren soll, wegschwimmen.
TIM - etwa 30, ein KULTURMENSCH 2000, sehr früh Karriere gemacht, immer unterwegs, fliegt von einem Event zum anderen, hat keinen Begriff mehr dafür, wer er selbst sein könnte oder wie er mit anderen Menschen außerhalb seiner terminlichen Verpflichtungen in Kontakt treten könnte.
TOM - alterslos, der ASSISTENT. Er ist der einzige, der in den letzten Jahren keinen rasanten Karriereaufstieg vollzogen hat. Er ist in der Wohnung geblieben und schaut den anderen zu. Er ist sich unsicher darüber, was er mit sich will. Er hält die Stellung, er versucht, mitzuhalten, aber er findet seinen Platz nicht wirklich zwischen den anderen.
JULIA - etwa 30, eine VIDEOFILMERIN, die versucht, sich nicht zu sehr in das Geschehen einzumischen. Sie hat ein Kind mit Stefan. Krisen zu Hause und überall auf der Welt sind ihr Spezialgebiet. Sie sieht sich selbst irgendwo zwischen Kunst und Journalismus, Kunst und Dokumentation.

Der Raum
Beruhigte Zone, eine Art HighTechLager, technische Geräte, Matratzen, Wasserkanister, Baumaterial liegen herum, Kartons, als seien die Menschen, die sich hier aufhalten, erst eingezogen oder als sei der Ort gerade zerstört worden.
Eine Durchgangswohnung, irgendwo in Europa, die kaum mehr von einem Krisengebiet zu unterscheiden ist - erschöpfte junge Menschen liegen herum, andere befinden sich fortwährend im Aufbruch und haben das Gefühl, daß sie nie ankommen.
In diesem Durchgangslager hat MARCO sein Atelier aufgebaut: eine große Videoprojektionsleinwand, mehrere Kameras, Videomischpulte und -schneideplätze, ein Sampler, Plattenspieler, CD-Spieler.
LAURA hat hier ihre Eventmarketingagentur aufgebaut: Faxe, Computerausdrucke, Notizen, Handys, Verträge, Auftragsbestätigungen, Telefonprotokolle, Fotos, Designentwürfe. Alles liegt in einer hochkomplexen, dem Chaos sehr nahen Ordnung herum; ein Laptop stets in ihrer Nähe.
STEFAN hat hier sein Fotolabor und Archiv eingerichtet. Da er auf Kriegsgebiete spezialisiert ist, hängen an Leinwänden riesengroße Fotos von verstümmelten Leichen, Menschen ohne Gesichtern, heulenden Frauen in Kopftüchern, ästhetisch eingefangenen verhungernde Kindern. Auszeichnungen hängen an der Wand. Überall Fotorollen, Säuren und Basen, Kameras, Objektive.
TIM hat hier seine kleine Global Village Station aufgebaut: Laptop, Handy, ein stets reisefertiger kleiner Stahlkoffer auf Rädern. Im überdimensional großen amerikanischen Kühlschrank hat er seine Raumfahrernahrung, Vitaminmischungen, Aufputschmittel.
WOLFGANG hat hier seine Redaktion eingerichtet: überall Notizen, Bücher, Zitate von Politikern, aus politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Neuerscheinungen, Ausrisse aus Zeitungen.
MARCs Arbeit läßt sich nur schwer definieren. Er ist anwesend, er ist das Material, das die anderen brauchen, das sie ausschlachten, er hat eine Menge Klamotten, sieht sehr gut aus, könnte jederzeit irgendwo auf einen Laufsteg springen, einen neuen Club miteröffnen, in einem Musikclip auftauchen, einen Pornofilm drehen oder irgendwo Platten auflegen.
Diese Durchgangswohnung mit ihren Insassen ist ein perfekt funktionierendes System: STEFAN bringt den neuen Stoff aus den Krisenregionen mit, WOLFGANG schreibt darüber, MARCO und LAURA verarbeiten die Fotos weiter - jeder auf unterschiedliche Weise, Kunst oder Design -, TIM nimmt MARCOs neue Kunstwerke mit auf irgendwelche Events, die er gerade zusammen mit LAURA organisiert hat, MARCO filmt MARC ab, WOLFGANG schreibt über moderne Lebensformen wie MARC.
Die Menschen, die in dieser Durchgangswohnung aufeinandertreffen, von irgendwoher kommen und sofort wieder weitermüssen, ihre Koffer umpacken, ihre Handys laden, ihre Artikel eintippen, ihre Filme entwickeln, hier ihre Agentur oder ihr Atelier eingerichtet haben, stehen ständig zwischen völliger Überforderung, Überdrehung der eigenen Leistungskapazität und Zusammenbruch, dem erschöpft Herumliegen, Warten, bis sich wieder Kraft gesammelt hat.
Ihre Energielevel schwanken sehr von Szene zu Szene oder auch innerhalb einer Szene. Beinahe alle Szenen spielen nachts.
Die Figuren leben genau an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion: Sie manipulieren Fotos, sie bereiten Erlebtes zu verkaufsträchtigen Stories aus, sie sind auf Krisengebiete aller Art, auf Extremszenarien spezialisiert. Sei es, daß sie als Kriegsreporter tätig sind oder Mode-Events vor zerstörten Landschaften organisieren, MTV-Clips in Kriegsgebieten abfilmen oder Häuser als Performance Art explodieren und niederbrennen lassen.
Der Raum sollte daher ein ständiges Oszillieren ermöglichen: Sind wir in einer Agentur, sind wir in einem Krisengebiet, herrscht hier Krieg oder ist es einfach nur chic, daß alle in Military-Klamotten rumlaufen, sind die Schüsse, die wir hören, auf der Tonspur von MARCO, der gerade wieder MARC zu einem Ausbruch treibt oder wird hier irgendwo jemand erschossen?
Leichen, Verletzte, Explosionen sind auf ausgehängten Fotos, ausgerissenen Artikeln und Videoclips anwesend - manchmal liegen die Insassen erschöpft herum und wirken dann selbst wie Verletzte, die darauf warten, in ein Lazarett gebracht zu werden.
Selbst, wenn sie wollten, könnten die Personen des Stücks nicht immer genau sagen, womit sie gerade beschäftigt sind oder welchen Job sie gerade erledigen: Zu schnell wechseln die Aufträge, meist noch, bevor sie überhaupt bearbeitet wurden. Noch bevor sie überhaupt das gesamte Material zu einer Sache zusammentragen konnten, ist das Thema schon „durch“, steht ein neues Thema auf dem Programm, oder es gibt einen neuen Auftraggeber. Es ist ihnen nicht immer ganz klar, in welche Krise sie gerade involviert sind. Ab und an verwechseln sie in ihrer Eile die Bilder zu den dazugehörigen Ereignissen, oder sie verlieren den Bezug dazu, ob die Bilder echt oder gefakt sind, ob die Ereignisse sich überhaupt ereignet haben.

Auszüge aus dem Stück
LAURA auf dem weg zum flughafen plötzlich: sag mal hab ich? hab ich? o gott ja ich denke ich hoffe scheiße hat? ja shit shit shit doch doch ich hab das doch noch schnell oder? oder nicht? oder dieser dieses dieser dieses dings dings brief oder was? das hab ich den hab ich dem doch noch hab ich das oder? ich weiß es nicht mehr oder soll ich jetzt noch schnell zurück? aber schaffen wir das dann noch? ich weiß es nicht vielleicht könnte tom aber tom: auch so ein ständiges sicherheitsrisiko dem irgend etwas anzuvertrauen mein flieger fuck wo ach ja okay aber
diesen refugee event diesen flüchtlingsrave im lager ob marc ich weiß nicht kann ich dem das antun ja der freut sich ankunft skopje achtzehn uhr zehn wir werden abgeholt major fischer und oberstleutnant brenner aus leipzig holen uns persönlich ab transall ich hardcore na ja hat stefan mir jetzt die richtigen? ja ich denke ja ich glaube mein handy geht hier nicht das nervt jetzt grade irgendwie sehr
trümmer überall unendliche trümmerfahrten wer organisiert das hier? gibts hier wie nennt man das „strukturen“?
„ich sage mal somalia war noch ne nummer härter da hatten die richtig fliegen am leib und knochen guckten schon so aus den raus aber schneeschippen könnten die hier auch mal wenn die sonst schon nichts zu tun haben“ dieter pilz vom mdr ist auch hier kotz den wollte ich ja nun eigentlich grade nicht treffen der hatte mich doch neulich zu seiner scheißpremierenfeier für diese ätzende äthiopiendokunummer für drei sat na ja okay hallo ja ja hallo und du ja wir drehen hier über abgebrannte orthodoxe kirchen aus dem vierzehnten jahrhundert ach so ja schön und du ja wir machen hier diesen äh refugee rave zusammen mit amica und ähm fit for fun also der spendengemeinschaft von o gott wie peinlich men’s health und fit for fun es gibt momente wo ich wünschte ich könnte einfach alles vom schreibtisch aus regeln
alles liegt in trümmern aber die sonne scheint herr brenner aus leipzig ist gut drauf und überall diese herrenlosen hunde auch ein irres bild rudel von herrenlosen hunden im schnee an den häusern überall einschußlöcher alte männer die einfach nur verwirrt in den trümmern herumstehen überall abgebrannte häuser einschußlöcher was ist hier nur passiert ich
ich
ich kann nicht mehr sprechen
endlich
-
treffen mit silke vom human rights watch christian humanitarian organisation agricultural international assistance american jewish joint distribution committee albanian austrian partnership american bar association ich kann doch überhaupt kein englisch das wird peinlich heute abend peacetalks frieden wir haben eine partneraktion mit association for rebuilding democracy und film aid die beauty of kfor night mit dj hell und dem peace orchestra eröffnung eines baseball squads gemeinsam mit einer anzahl repräsentativer deutscher und amerikanischer filmstars katja riemann wird erwartet auch peinlich irgendwie
bei dem gedanken kommt mir grad so innerlich jegliche existenzberechtigung abhanden
anja kruse kommt die auch?
das war so eine gemeinschaftsidee von mir dem tagesspiegel und der kanadischen botschaft die dann wiederum mit filmaid usa die verhandlungen aufgenommen hat und lisa aus boston bereits vor zwei wochen schon einmal eingeflogen hat um vorbereitungen zu treffen
es gab schwierigkeiten mit dem d2 netz festnetz gibt es sowieso nicht was zieh ich eigentlich an horror ich habe dieses military-teil von prada aber kommt das nicht ein bißchen ein bißchen ich weiß auch nicht
ich weiß es nicht schußsichere weste? oder? und was für schuhe? keine ahnung ob wir noch das council for the defense of human rights and freedom integrieren könnten ein shopping mall einweihen das kann nicht ernst gemeint sein was soll denn da drin sein was wollen die denn da reinstellen?
daß ich das alles immer selbermachen muß daß ich da immer echt selbst hinfliegen muß tim konnte nicht wollte nicht der hat sich geweigert „bloß nicht dritte welt“ hat er mir per sms geschickt „dritte welt kannste selbermachen“
marc marc wollte ich doch o fuck den hab ich den hab ich fuck ich hab den völlig vergessen der sitzt noch irgendwo in der lounge mit seinem was trinkt der jetzt immer seit neuestem „blow job“ heißt das zeug sehr witzig zieht sein hemd aus stellt sich an die bar und sagt „einmal blow job bitte“ daß der auch immer irgendwo abgeholt werden will daß alle immer irgendwo abgeholt werden wollen und ich ich muß das dann na ja ich manage hier alles der ganze laden seit drei jahren fast keinen schlaf mehr ab und zu ein totalzusammenbruch achtundvierzig stunden absolute bewegungslosigkeit daliegen nicht sprechen nicht denken wie so ein relais das mal wieder ausgewechselt werden müßte weiter ich muß weiter nur nicht nur nicht schlappmachen jetzt nur nicht liegenbleiben diese ganze vitamin c scheiße hilft auch nichts mehr meine magnesiumwerte ich bilder aussortieren informationen zusammentragen ab und an selbst einen einsatz fahren dann ein anruf von meinem vater:
„hör mal das mit kant geht so nicht“
bezieht sich auf meine rede für tim die tim halten soll bei dieser bei diesem bei dieser was? eröffnung in hab ich das schon rüber ich hab das doch oder
ja wieso geht das nicht?
„weil kant das gar nicht geschrieben hat“
mein vater: klarheit ruhe auf alles eine antwort
was? wieso? was? das stand aber so in meinem folder den tom mir na ja egal okay ich überarbeite das noch mal
kant kant auch so ein name der nichts bedeutet kant kant egal
die drei bettys aus manchester wollen dieses tanzfestival in pristina organisieren und fragen ob wir da was wüßten aus berlin jemand der da hinkönnte die kulturstiftung der deutschen bank wäre wahrscheinlich interessiert allerdings sollte das ganze erst mal möglichst unpolitisch sein
auch das ja
ich versuche tim zu erreichen wie gut daß lufthansa jetzt endlich auch bordtelefone überall wurde aber auch zeit tim hallo ja sag mal
wer ist denn rotraut de neve?
die macht da nen ballettworkshop ziehen wir da mit? schicken wir da fotografen interessiert das? könnten wir da bbc vielleicht begeistern oder arte ich weiß es nicht ich muß mal überlegen ich versuch jetzt stefan zu erreichen ich ruf gleich zurück cooperative housing foundation was machen die denn da? die teilen da suppe aus wie absurd departement for international development world relief save the children save the world
am flughafen dann major fischer: ich sage nur massengräber massengräber massengräber im übrigens weihnachten finden se mich in nem tophotel irgendwo an der ostsee mit whirlpool und allem drum und dran und dann komm ich erst mal den ehelichen pflichten nach aber volles programm
äh ja verstehe äh seltsame information na gut und wie finden wir jetzt bitte die drei bettys aus manchester? im uno haus ist heute pizzatag alles zugefroren das licht fällt aus strom fällt aus ob tom vielleicht marc aus dieser lounge abholen könnte oder marc marc will material ich soll soldaten filmen soldaten die reifen wechseln was ist denn das wieder für ne beschissene idee na gut major fischer bringt mich noch aufs zimmer
äh ja danke danke ich muß dann auch jetzt wirklich gleich sofort also jetzt gleich ich meine jetzt sofort und ich bin echt müde schlafen also sofort jetzt danke tschüß
tür zu ich liege da
rotes licht
unten auf der straße fahren die krisenboys vorbei und hören laut britney spears
wo bin ich?
ganz weit weg? kann man das so sagen? oder ganz nah? beruhigte zone ausgangssperre morgen werd ich abgeholt die heizung geht nicht kein wasser hmm bloß professionell wirken morgen help age international human appeal international humanitarian aid international worldwide for human rights humanitarian community information center help hilfe zur selbsthilfe mine clearance and unexploded clowns without borders spielen das stück „dont touch the mines“
müde
humanity first
humanitarian cargo carriers
international crisis group
international catholic migration commission
institute for international social affairs
im radio jetzt seit drei wochen auf platz zwei: „peace is just a word is just a word“
diese fotze hat das video dazu gedreht
hoffentlich hängt die hier nicht auch ab
ich hab sowieso das gefühl daß man jeden im moment hier trifft ob man will oder nicht
die ganze welt ist hier
alle haben hier irgendwo ihre büros und agenturen aufgebaut die einheimischen müssen leider auf der straße schlafen sorry jungs aber wir brauchen die wohnungen sorry wir müssen noch dieses meeting da und ähm ja nee nicht böse sein in spätestens fünfzig jahren könnt ihr hier wieder einziehen
ich liege da
es ist kalt
hole mir unten aus der hotelbar einen whiskey
thomas aus mannheim sitzt an der bar
hängt erich rathfelder hier auch irgendwo ab?
bitte jetzt nicht wieder diese massakerdiskussion ja
ruhe
eben mal was trinken
ich fühle mich wie ein kompletter idiot
ich habe nichts zu sagen
nichts zu sagen zu diesem
diesem thema
nichts
nichts
absolut nichts
gar nichts
nichts
absolut nichts
gar nichts
thomas aus mannheim ist hier als fahrer für kuwait joint relief committee
fährt decken in die bergregionen aha
kurzes gespräch: hätten wir? ja vielleicht oder bodentruppen? wäre dann? na ja ja kann sein kann aber wer weiß das schon aber diese flüchtlingstrecks und
ja ja aber
es ging ja auch darum zu verhindern daß
genau
gut nacht dann
ja machs gut du
irgendein stillstand in meinem kopf irgendein ein ich weiß es nicht eine art zusammenbruch ich habe ja überhaupt keine ahnung ich weiß doch überhaupt nichts über ich bin doch gar nicht richtig vorbereitet wir alle hier sind doch überhaupt gar nicht vorbereitet und wissen doch absolut gar nichts über dieses land
und doch das
es muß ja alles weitergehen schnell die organisation das darf nicht wirklich stagnieren unser europa muß weiterfließen egal wo wann wer welche krise verursacht der warenstrom der gedankenstrom der austausch das muß alles weiterlaufen vielleicht deshalb dieser einsatz um unseren frieden zu sichern
(...)

STEFAN Was machst n da?
MARC Ich brauch was Bilder sag mal was ist denn das? Soldaten das sind ja nur Soldaten hast du nicht was anderes was ist das denn das ist ja ist ja heftig
STEFAN Verstümmelte Leiche vergewaltigt verstümmelt Benzin rübergegossen verbrannt
MARC Kann ich das haben kann ich das mitnehmen und das da ja kann ich das haben ich brauch das
STEFAN Komm mal her Kleiner
Eine Explosion auf Leinwand und Tonspur, Marco läuft mit seiner Videokamera herum, filmt Fotos von Leichen, filmt die anderen.
MARC Wo ist denn Julia eigentlich die wollte mich doch abholen die hatte doch angerufen die hatte doch gesagt daß sie vorbeikommen wollte die wollte doch schon längst hier sein wo ist die denn die hatte doch gesagt daß die jetzt kommt warum kommt die denn nicht sag mal hast du gesagt „so halb“ als der Typ dich fragte ob du mich kennst hast du da gesagt „so halb“ ich kenne den „so halb“ wieso sagst du denn das wieso sagst du denn „so halb“ du kennst mich doch wir kennen uns doch wir sind doch Freunde oder wir kennen uns doch wir wohnen doch zusammen wir sehen uns doch immer wir kennen uns doch du kennst mich doch
STEFAN Ja wir kennen uns vielleicht kennen wir uns ja
MARC Vielleicht?
STEFAN Ja vielleicht vielleicht auch nicht vielleicht habe ich dich auch nie gesehen ich weiß es nicht ich weiß es eben nicht
MARC Was?
STEFAN Ich weiß es nicht
Maschinengewehrsalven, die anderen zucken zusammen.
MARC Wo ist denn Julia jetzt wieso kommt die denn nicht die wollten doch kommen die kommt ja gar nicht das war doch abgesprochen das hatten wir doch so vereinbart oder ich will da aber nicht allein hin warum kommt denn keiner mit die wollte mich doch abholen wieso „so halb“ das versteh ich gar nicht wieso denn „so halb“ wir kennen uns doch gut wir sind doch Freunde du kennst mich doch ich hab mich verletzt hier schau mal das wollen die fotografieren ich werd erschossen heute nacht weißt du und da können alle bei zugucken dann werd ich wieder zusammengenäht live
STEFAN Was?
MARC Soll ich weggehen?
STEFAN Was ist denn?
MARC Soll ich hierbleiben?
Pause, Schüsse, die anderen zucken zusammen, Laura geht in Deckung, als handele es sich um echte Schüsse.
Soll ich weggehen?
Oder -
STEFAN Ich bin müde
MARC Ich auch ich leg mich mal hier hin ja
Er legt sich zu Stefan.
STEFAN Ich bin wirklich müde
MARC Ich doch auch
Ich bin ja auch müde
Ich will ja auch nur schlafen
Pause.
Fährst du wieder?
STEFAN Kannst du nicht zu den anderen gehen?
MARC Fährst du morgen wieder?
STEFAN Was?
MARC Wohin denn?
Marco läuft herum mit einer seltsamen selbstkonstruierte Maschinenpistole, die Klänge erzeugt und wie eine Fernbedienung die Videoleinwand steuert, Schüsse, Bilder von einstürzenden Häusern, Bilder von Menschen, die über Straßenkreuzungen rennen, vor Heckenschützen flüchtend. Die anderen werden zunehmend irritiert.
STEFAN Was?
MARC Du
STEFAN Muß ich mal Laura fragen die die wollte mir das doch die wollte mir irgendwie
MARC Kann ich das jetzt haben hier
Meint die Fotos.
sag mal hast du noch mehr davon
STEFAN Die hab ich schon Marco versprochen
MARC Was wieso das denn der hat doch genug von dem Zeug ich brauch doch auch mal was ich will doch auch mal was haben immer kriegt der alles warum gibt mir denn keiner was ich bin doch auch hier an mich kann ja auch mal einer denken
STEFAN Geh mal zu den anderen jetzt
Detonationen, Schreie, Schüsse, Marco läuft herum wie ein Soldat, springt in imaginierte Gräben, gibt Schüsse ab auf die anderen, filmt sie gleichzeitig dabei. Ihre Gesichter werden auf der Leinwand sichtbar und in die laufenden Bilder hineingerechnet.
MARC Nein ich bleib hier jetzt ich leg mich jetzt hier hin ich geh nicht mehr zu den anderen da geh ich nicht mehr hin da will ich nicht mehr hin ich geh nicht mehr zu denen ich will nicht zu den anderen wo ist denn Julia die wollte mich doch abholen die wollte doch die wollte mich doch mitnehmen ich will auch mal weg hier ich muß doch auch mal raus hier ich will jetzt weg hier ich will hier weg kann ich die mitnehmen diese Fotos hier bitte ich brauch die doch ich brauch das doch kann ich ja
STEFAN Frag doch Marco
MARC Der gibt mir ja nie was
da brauch ich gar nicht zu fragen
da krieg ich sowieso nie was
Mehrere Detonationen.
TIM Ich soll jetzt in den Bundestag
hab da ein Angebot
LAURA Ach was
TIM Ja
Aber ich will nicht
Ich glaub ich will da nicht hin zu diesen ganzen Deppen
LAURA Welche Partei denn?
TIM Keine Partei ich soll da beraten
Alle
Ich soll die alle beraten
Die wissen doch gar nichts
Die brauchen Leute die denen das alles erklären
Die sind doch alle ganz neu die haben doch gar keine Ahnung die müssen das ja jetzt plötzlich alle ganz schnell lernen Medientraining und so die ganzen neuen Begriffe wie die jetzt diesen Angriff rechtfertigen sollen was die da sagen sollen und so sowieso jetzt die ganze Vernetzung und alles die neue Wirtschaftsordnung das begreift ja gar keiner das soll ich denen jetzt erklären ich will aber nicht ich erklär nichts mehr niemandem ich behalte das jetzt alles für mich
Ich mag die nicht
Das sind doch die Leute mit denen in der Schule nie jemand was zu tun haben wollte
Diese Schulsprecher und Schach-AG-Wichser
LAURA Genau wie du
TIM Ja genau wie ich
(...)

STEFAN Ja, da war alles ganz anders, da war ich selbst wie so ein Soldat, der in einen Out of Area-Einsatz geschickt wurde, wir hatten doch alle keine Ahnung, wir wußten doch überhaupt nichts über dieses Land, über deren Geschichte, wer wann wen abgeschlachtet hatte, keine Ahnung, wir taten natürlich alle so, und schon die Ankunft war völlig verstörend, das dann zu sehen: Die Soldaten bekommen ihre Waffen ausgehändigt, die Journalisten ihre Kameras und dann ab in den Mader oder wie das heißt, ab zu den Massengräbern, und da standen wir dann und haben alle gereihert wie die Blöden, den Geruch kann man auch nicht beschreiben: Alles ganz still, keine Vögel, das weiß ich noch, keine Vögel, absolute Stille, Tierkadaver überall, über den Menschenleichen lagen dann noch die Tierkadaver, und man erkannte auch noch die Kinder, die waren halt kleiner, so kleine Holzbalken, das waren die abgebrannten Kinder, und wir haben alle da gestanden und gekotzt, und dann kamen die Typen auf uns zu und meinten: „Mein Massengrab ist noch viel größer, bei mir liegen 30 Tote“, und dann wieder andere: „Bei mir fünfzig“, und dann kam einer, der wollte dann dreitausend Dollar haben für sein Massengrab, da lagen dann siebenhundert Kinder, hatte der gesagt, „700 childs 700 childs“, hatte der immer gesagt, ja, liegen da, „3000 dollar for 700 childs“ ganz guter Stückpreis meinte dann der Stern-Typ, der wurde dann später erschossen, die wollten sofort ihre Bilder loswerden, an die Grenze bringen, das war ja alles ein Chaos, überall noch Heckenschützen, die dann auf uns gezielt haben, die haben uns ja gehaßt, total, ja, in deren Augen waren wir ja verantwortlich für den Krieg, wir haben ja immer die Flüchtlinge abgefilmt, und das lief ja stundenlang dieses Leid, diese schreienden, heulenden Menschen, diese vergewaltigten Frauen, mit den erfrorenen Kindern auf dem Arm, diese Flüchtlingstrecks ohne Männer, wo immer die jungen Männer fehlten, die dann einfach fehlten, deshalb wurde ja dann überhaupt dieser Krieg geführt, wir hatten den ja vorbereitet mit unserer Kamera, die haßten uns, wir waren deren eigentliche Feinde: Jamie Shea war der Feind, nicht Bill Clinton, und die Stern-Reporter wollten natürlich wieder die ersten sein, und die wurden dann auch einfach abgeknallt, der Typ von der Bild nicht, der Typ von der Bild hatte so n Panzerwagen vom Springerverlag mitgekriegt, den hatten die von der Bundeswehr einfliegen lassen, die waren am besten geschützt, ja, und dann haben wir da alle geschrieben wie die Blöden, ja, alles abfotografiert und geschrieben, und dann haben wir uns all die Massengräber zeigen lassen und später erst kapiert, daß die zum Teil gefakt waren, daß die Typen da einfach die Leichen aus den Krankenhäusern gezerrt hatten, und ja, die wollten natürlich auch Geld verdienen, die wußten ja genau, warum wir gekommen waren, wir wollten ja diese Bilder, und die Presseoffiziere wollten ja auch, daß wir diese Bilder schießen, die hatten ja auch den Rechtfertigungsdruck für den Einmarsch oder Truppenverlegung, wie das offiziell genannt wurde, Kollateralschäden, Truppenverlegung, und aber einige Gräber waren aber schon echt, nur einige nicht, das war so verwirrend, verstörend, auch total seltsam, diese Verdoppelung, die Meldungen stimmten alle nicht und stimmten aber auch doch, es gab dann eben nicht siebenhundert Kinder, aber fünfzig junge Männer, oder irgendwo lagen einfach Teile von Menschen rum, oder drei Tote lagen dann da in einem Keller, und da habe ich dann gefilmt, und da kam dann der Bruder von dem Mann an, der da lag, und der sagte nichts, und da lagen dann auch noch seine Eltern, das erkannte der an einem Ärmel, an einem Hemd von dem, von dem Vater, und der schaute da nur so drauf, der sagte nichts, der war aus Dortmund, der Typ, der hatte da ein Busunternehmen, der war total verwirrt, der wußte überhaupt nicht mehr, wo er war, das war ja das Haus, in dem der aufgewachsen war, und da lagen jetzt im Keller, das war ja der Hobbykeller, das waren reiche Leute, sowieso hauptsächlich reiche Leute, bestialisch abgeschlachtet, der sagte nichts, dann kam seine Cousine rein und nahm den in den Arm, und dann, dann heulte der los, das habe ich alles aufgezeichnet, die beiden schreien da vor Schmerzen, das ist, das ist Wahnsinn und geredet, dann durchgeredet stundenlang, der Geruch war so schlimm, seine Cousine hat ihn dann umarmt und geküßt und dabei gekotzt, weil man halt den Geruch nicht aushält, und draußen die Panzer und, na ja, dann wurden gleichzeitig da die alten Leute, die zurückgeblieben waren, bestialisch zusammengeschlagen, da hat man dann Todesschreie gehört, die waren zum Teil so alt, die wußten gar nicht, daß Krieg war, das war, das war, die stürzten sich aus den Fenstern, und dann wurden sofort wieder Häuser abgebrannt und Menschen erschlagen und das Wort Menschenrechte, das klingt so lächerlich in dem Zusammenhang, so nichtssagend, so eine Anmaßung, das ist so ein Unsinn, o Gott, ja, na ja, so halt
(...)
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