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Sieben Sekunden (In God We Trust)



In seinem kurzen, von der sprachlichen Aufgeregtheit propagandistischer Fernsehsendungen durchdrungenen Stück lässt Richter seine Figuren ein Szenario über den letzten Feindflug eines amerikanischen Bomberpiloten erfinden, dessen Flugzeug aufgrund eines Computerfehlers abzustürzen beginnt: Sieben Sekunden verbleiben dem Piloten bis zum Aufprall. In dieser kurzen Zeit, die plötzlich endlos erscheint, wird der Zuhörer Zeuge eines vielstimmigen Gedankenstroms: Erinnerungen an die eigene Familienidylle, religiöse Durchhalteparolen und kollektive Terror-Hysterie verschmelzen zu einer Mixtur, welche die Eigendynamik eines alles beherrschenden medialen Propagandaapparates widerspiegelt und den abstürzenden Piloten wie ein ferngesteuertes Objekt einer Kriegsmaschinerie erscheinen lässt, deren grausame Wirklichkeit vor dem Hintergrund grenzenloser Beeinflussbarkeit zu verschwinden droht. (Malte Ubenauf)




Sieben Sekunden (In God We Trust) wurde im Jahr 2003 an über 15 Theatern aufgeführt.


Stimmen:

4 - 8 männliche und weibliche Sprecher


Schauspieler an Mikrophonen sitzen an einem Tisch wie bei einer Pressekonferenz, sprechen direkt nach vorne zum Publikum.
Sehr schnell und spannungsgeladen, unterschiedliche Sprechweisen, die oft wechseln, der Ton dieser propagandistischen Fernsehsendungen muß genau kopiert werden, dann ab und an ganz direkte Töne, die Sprecher wechseln ständig Haltung und Perspektive.

- ein Aufschlag

- ein Crash

- eine Explosion

- laut sehr sehr laut

Wir hören einen Aufschlag, eine Explosion, sehr sehr laut, sieben Sekunden.

- Stop



- IN GOD WE TRUST

- Marge schaltet den Fernseher ein

- ihre Lieblingsserie

- jeden Dienstag: Frontberichterstattung

- direkt vom Flugzeugträger IN GOD WE TRUST

- so heißt dieser Flugzeugträger „IN GOD WE TRUST“, und das steht auch fett in fetten Buchstaben an die Flanken des riesigen 2000 Männer und Frauen tragenden Riesentankers geschrieben, „IN GOD WE TRUST“, und da warten in kleinen Kojen diese 2000 Männer und Frauen auf ihren Einsatz

- IN GOD WE TRUST

- diese Piloten sind Stars, jeder im Homeland kennt sie

- wir sehen, wie sie über das Deck laufen

- wie sie an ihren Maschinen herumschrauben, alles auf Hochtouren bringen

- wir kennen sie gut, wir lieben sie, sie beschützen uns, sie riskieren ihr Leben

- alles muß perfekt sein

- IN GOD WE TRUST ist nicht einfach nur ein Name, das ist eine Haltung

- sie sind mobil

- sie können jederzeit überall auf der Welt innerhalb von wenigen Stunden eingesetzt werden

- wenn es irgendwo auf der Welt brennt, wir sind bereit

- es ist alles unglaublich spannend und aufregend, all diese Männer, die genau wissen, worauf es ankommt mit ihren großen durchtrainierten Körpern irgendwo an geheimen Ufern der Ozeane dieser Welt, die nie einen Fehler machen, „Emergency Room“ fand Marge schon toll, aber diese Männer hier, die sind noch besser, die setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel für unsere Gesundheit

- für unser Leben

- für unseren Glauben

- IN GOD WE TRUST

- das hier toppt wirklich alles, schon allein, weil es echt ist, weil es live ist, weil es irgendwie real ist und weil wir wirklich alle jede Sekunde sterben könnten

- dieser Flugzeugträger ist ein kleines schwimmendes Dorf mit Kino, Kirche, Shopping Mall, Fitnesscenter und allem drum und dran, Burger King, McDonald’s, Wendys, Pizza Hut, Starbucks, Nike-Town und Diesel und natürlich Dunkin Donuts alles in Miniausgabe, damit es Platz findet unter Deck, und fünf Landebahnen und Vergnügungspark, da leben mehr Menschen auf so einem Flugzeugträger als in dem Dorf bei Bill und Marge neben dem Highwayzubringer

- sie singen die Nationalhymne

- sie hissen die Flagge, singen die Nationalhymne, sprechen gemeinsam das Gebet, danken Gott dafür, daß sie auf der richtigen Seite kämpfen und nicht auf der falschen

- danke, Gott, daß ich auf der richtigen Seite kämpfe und nicht auf der falschen

- danke

- danke

- danke

- und dann putzen sie ihre Flugzeuge

- du mußt so aufpassen hier, daß du keine Fehler machst, ich meine, wenn du einen Lappen liegen läßt auf der Rollbahn, das kann über Leben und Tod entscheiden, es ist alles unglaublich spannend hier, es ist alles unglaublich aufregend

- wir sind bereit

- in dieser Folge geht es darum, daß Tom seinen Lappen auf der Rollbahn liegengelassen hat, und alle sind total in Aufruhr: Wo ist der Lappen, wo um Himmels willen ist der Lappen

- und Lucy ist auch wieder dabei, ihr Mann ist auf einem anderen Flugzeugträger irgendwo in einem anderen Krieg eingesetzt, und ihr Kind wartet allein Zuhause und schaut immer abwechselnd die Sendung über Mamis Tanker am Dienstag und Papis Tanker am Mittwoch

- Krieg überall Krieg auf der Welt, wir sind pausenlos im Einsatz

- diese Krisenherde wollen einfach keine Ruhe geben, kaum ist der eine Konflikt behoben, bricht der andere Konflikt hervor, das ist alles so spannend und aufregend, das ist wirklich toll

- we must free the world from all the evil doers and freedom haters in the world

- united we stand

- in God we trust

- dann machen sie Übungen

- im Work-Out-Raum nach dem Frühstück

- sit-ups

- dreihundert sit-ups jeder

- und das wird überwacht, daß sie die Übungen auch korrekt ausführen

- sit-ups, push ups und dann diese Crunches in Seitenlage oder wie die heißen

- also sie sehen alle ziemlich scharf aus

- könnten auch allesamt ohne Probleme eine Hauptrolle in einem Pornofilm spielen

- was sie natürlich

- nein klar niemals

- niemals machen würden

- denn sie glauben ja an Gott

- ja, das ist ja der Witz, diese Typen glauben ja wirklich an Gott

- und den Präsidenten

- und daß Gott den Präsidenten persönlich eingesetzt hat

- so wie den Papst

- oder Tutenchamun oder so jemand

- genau, die glauben, daß Gott den Präsidenten wählt, das hat man denen so erzählt, und das glauben sie

- nach dem Sport gehen sie dann alle gemeinsam in den Fernsehraum, der etwa so groß ist wie drei Kirchen, beten noch einmal gemeinsam und schauen auf die etwa zweihundertfünfzig Monitore, auf denen ihr Präsident eine Ansprache hält

- er sagt Bedrohung Angst Schrecken Gefahr Notwehr Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Angst Bedrohung Gefahr böse Menschen

- Terror

- Terror

- we must defend our country from

- Terror

- still löffeln sie ihre Hightechnahrung in sich rein und schauen gebannt auf die Lippen des Präsidenten

- dessen Vater auch schon Präsident war

- und dessen Vater auch schon Präsident war

- und dessen Sohn höchstwahrscheinlich auch bald Präsident sein wird und dessen Bruder Außenminister ist und dessen Schwester ihn in Sicherheitsfragen berät

- genau, das Volk wählt zwar seinen Präsidenten in großen aufregenden Fernsehshows, wo alles ganz bunt und spannend ist mit Kopf-an-Kopf-Rennen TV-Duellen Fotofinishes, aber die Kandidaten stammen alle aus derselben Familie

- aus demselben Clan

- die Stimmen werden nach einem seltsamen System ausgezählt, das niemand kapiert

- mit seltsamen Stimmkarten, die durch seltsame Zählmaschinen gezogen werden, die niemand so richtig kapiert

- und das Amt bleibt immer in derselben Familie im selben Clan

- das ist seltsam, man hat immer das Gefühl, daß niemand die gewählt hat, aber diese Stimmkartenzählapparate spucken immer wieder die gleichen Ergebnisse aus

- diesen Clan kann man einfach nicht mehr abwählen, egal, was man wählt, die bleiben einfach immer im Amt

- Macht Intrige Krieg Blut

- Terror

- jetzt sprechen sie alle nach

- 2000 Männer und Frauen sitzen gemeinsam in der riesengroßen Fernsehhalle so groß wie drei Kirchen und sprechen nach, was der Präsident ihnen vorspricht

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- Terror

- dieses Wort müssen sie sich merken, dieses Wort ist wichtig

- Terror

- we must fight

- Terror

- we must defend

- our way of living

- was auch immer das ist, wir können es nicht so genau sagen, aber egal

- ein Aufschlag

- ein Crash

- eine Explosion

- laut sehr sehr laut

Kurze Pause / Tempowechsel, langsamer, ruhiger.

- manchmal träume ich, daß alles anders ist, daß das alles nicht so ist, daß das alles anders ist

- wie anders?

- ich weiß nicht: Brad wäre bei mir und

- sie hat es vergessen

- sie hat die Zeit vergessen, wie es war, bevor dieser Krieg ausbrach

- irgendwann brach der los und

- und

- es gab eine Zeit davor, eine Zeit, die anders war

- dieser Krieg dauert nun schon sehr lange

- und täglich wechseln die Allianzen

- wer gestern noch unser Freund war, kann heute schon unser Feind sein

- ich begreife es nicht

- trau niemandem länger als zehn Minuten und trau niemandem, der eine andere Sprache spricht als du

- wir sehen Bilder, auf denen unser Präsident mit den Präsidenten anderer Länder freundschaftlich beieinander sitzt

- sie handeln irgendwelche Verträge aus und lachen in die Kameras

- kurze Zeit später greifen die uns an

- oder wir die?

- und dann tauchen immer wieder Leute auf, von denen nie jemand etwas gehört hat und

- eine Detonation

- und jetzt Wagner oder Strauss

Schneller jetzt und bewegt fasziniert.

- ein Flugzeug startet

- go

- drei Sekunden und es zieht wie ein Racheschwert durch die Nacht

- start und go

- das nächste

- alle drei Sekunden jetzt

- go

- alle drei Sekunden startet ein neues Flugzeug

- am klaren Sternenhimmel jetzt das Geschwader über dem Meer wie ein Schwarm stolzer schneller Vögel zieht in den Kampf für unser Land

- für unsere Freiheit

- für unsere Art zu leben

- zweitausend dieser Vögel fliegen stolz durch die Nacht

- das ist wunderschön, es liegt eine Schönheit in dieser Kraft, dieser Präzision

- ich bin kein Kriegstyp oder so, ich finde, jeder hat das Recht, sein Leben so zu leben wie er will, und ich finde, jeder sollte das Recht haben, glücklich zu sein, das ist mein Motto: Wenn du mir nicht zu nahe kommst, komm ich dir nicht zu nahe

- deshalb liebt er diesen Job: Nachts über fremde Länder fliegen, allein im Flugzeug, ein beruhigender Sound

- du hast viel Zeit für dich selbst, davor hab ich in einem Büro gearbeitet, mobbing und der ganze Scheiß, das war nicht mein Ding

- manchmal schauen sie sich Videos an

- von den Ländern, gegen die sie fliegen

- deren Namen sie kaum aussprechen können

- diese Diktatoren, das kann sich doch kein Mensch merken, wie die heißen, die klingen doch im Grunde alle gleich

- dies ist der fünfzehnte Einsatz, den er fliegt

- er ist zweiunddreißig

- nicht mehr ganz jung

- schon eine Weile dabei

- etwas mehr als siebzig Quadratkilometer hat er in seiner Laufbahn schon dem Erdboden gleichgemacht

- neutralisiert

- da kann sich jetzt niemand mehr verstecken, das weiß er, und das macht ihn stolz. Er weiß, daß seine Arbeit einen Sinn hat: Auf dieser Fläche, die er befreit hat, wird kein Anschlag mehr geplant werden, von dort geht keine Gefahr mehr aus für Marge und die Kinder

- frag mich nicht nach politischen Systemen, da kenn ich mich nicht aus, interessiert mich auch nicht, ich bin nicht so ein Wissenfreak, ich bin nicht so n Typ, der alles erst genau wissen muß, welche Religion die hier haben, wie die Hauptstadt heißt, was für ne Sprache die hier sprechen, keine Ahnung, aber das ist auch nicht mein Job, ich bin ja nicht als Philosoph hier engagiert worden

- wir sind eine Familie hier

- IN GOD WE TRUST

- hier halten alle zusammen

- und das ist wichtig in Zeiten wie diesen, wo du niemandem mehr trauen kannst

- Bürojob? So n Typ bin ich nicht, den ganzen Tag auf n Computer einhacken, so n Fettbauch kriegen und alle denken nur ans Geld und daran, wie sie die Praktikantin ficken können, das ist nicht mein Ding, ich bin real, ich bin ein Fighter und ja, ich habe diesen Präsidenten gewählt, ich mochte den, der ist ein bißchen so wie ich, kein versponnener alter Professor aus nem Debattierclub, sondern einer, der sich durchsetzen kann, einer, der auch mal durchgreift, wenns drauf ankommt, einer, den man versteht, auch ohne ein Fremdwörterlexikon hervorzukramen

- eine Detonation

- klar brauchen wir ab und an Beruhigungsmittel Thorazin oder Venlafaxin

- ein Aufschlag

- ein Krankenhaus

- ein Crash

- vierhundert Zivilisten

- eine Explosion

- ein Zufahrtsweg freigeräumt

- Sport ist so verdammt wichtig, das lenkt dich ab

- Terror

- wenn der Präsident sagt, es ist Krieg, ist Krieg

- Terror

- Weltpolitik ist kein Debattierclub für alte langweilige Männer mit Bärten, da mußt du handeln

- Terror

- ich kann nicht schlafen, ich kann schon seit langem nicht mehr schlafen

- eine Detonation

- ein Aufschlag

- alle neue Waffensysteme kommen hier zum Einsatz

- das ist so aufregend, das ist alles so verdammt aufregend

- ein Crash

- schon allein, weil sie mal ausprobiert werden müssen

- im Umkreis von sechshundert Metern alles ausgelöscht

- eine Explosion

- Marge sieht nichts von diesen Bildern, diese Bilder sieht niemand, diese Bilder werden nicht gesendet, selbst die Piloten sehen nur ein paar leuchtende Punkte, eine Graphik auf ihrem Monitor

- das sind fußballfeldgroße Flächen, die da innerhalb von Sekunden ausgelöscht werden

- wir sind bereit, wir stehen bereit, wir warten nur auf unseren Einsatz

- wir können jederzeit und überall losschlagen

- Terror

- IN GOD WE TRUST

- diese Bilder dürfen niemals gezeigt werden

- und deshalb fliegen unsere Helden nachts

- es ist dunkel

- Nacht

- das Foto in der Zeitung, ist irgendeine Graphik, nichts zu erkennen

- das Video zu diesem Einsatz sieht aus wie ein Computerspiel

- und Sie wußten gar nichts?

- mir war das alles nicht bewußt, nein

- das waren Krankenhäuser Schulen Kindergärten

- nein, das, das wußte ich nicht, wir alle wußten davon nichts

- die Allianzen wechseln so schnell, ich komm nicht mehr mit

- trau einfach niemandem länger als zehn Minuten, dann bist du gut beraten

- dreitausend Kinder, wußten Sie das?

- nein

- und das war eine Aspirinfabrik, keine Waffenfabrik, war Ihnen das klar?

- nein

- dreitausend Zivilisten in nur zwei Tagen

- das tut mir leid, das wollte ich nicht



„Electronic City beschreibt unsere Art zu leben. Sieben Sekunden zeigt den Krieg, der geführt wird, um diese Lebensweise zu sichern, die Hysterie, die Propaganda und die Vermischung von Popästhetik und Kriegshetze - die Ahnungslosigkeit im Homeland über weltpolitische Zusammenhänge und die Massenvernichtung draußen im endlosen Kampf gegen den ‚Terror‘. Ein sportiv präsentierter Medienkrieg, der Held ist der Star einer neuen Doku-Kultserie: ein Bomberpilot mit Gott und Vaterland an seiner Seite. Die ermordeten Zivilisten bleiben unsichtbar, die Vernichtung, das sekundenschnelle Auslöschen allen Lebens durch Hightechwaffen: Bilder, die keiner jemals zu Gesicht bekommt.“
Falk Richter






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