









|

 |

Sex, Liebe und Geld in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Drei Beobachtungen zu Falk Richters Dramen.

Sex, Liebe und Geld in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit.
Drei Beobachtungen zu Falk Richters Dramen.
von Bernd Stegemann
I. Sex oder Die Verstörung
Intime Kommunikation in den Zeiten des Internets hat ihre besonderen Spielarten gefunden. Partnerbörsen, Datingseiten, Chatrooms und Foren für alle Phantasien bevölkern das Netz. Will das Theater sich dieser neuen medialen Interaktion nähern, verfolgt es unterschiedliche Strategien. Es wird dabei häufig versucht, die virtuelle Realität eines gemeinsamen Gesprächs ohne reale körperliche Präsenz darzustellen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Netz-Kommunikation zur Vorgeschichte der dann gezeigten Situation zu machen. So geschehen in „Norway today“ von Igor Bauersima und auch in einer zentralen Episode in Falk Richters „Verstörung“. Hier treffen zwei Männer aufeinander, die sich offensichtlich in einem Forum für schnelle sexuelle Kontakte verabredet haben. Die Pointe der nun sich entwickelnden Situation besteht offensichtlich darin, dass einer der beiden Männer nicht so aussieht, wie sein Foto und seine Selbstbeschreibung glauben gemacht hat. Da jedoch Heiligabend ist und die Zeit schon fortgeschritten, beginnt der sich betrogen fühlende Mann, der nur mit seinem Tarnnamen Gayromeo genannt wird, nach Möglichkeiten sexueller Befriedigung zu suchen. Das nun beginnende Verhandlungsgespräch dreht sich um die schwierige Frage, wie nun noch „unkomplizierter Spaß“ zu haben ist. Der Mann mit falschem Foto, Paul, ist in diesen Verhandlungen in der sichtlich schwachen Position. Sein reales Erscheinen hat seinen Marktwert drastisch sinken lassen. Er ist bemüht und bejaht alle Forderungen, die Gayromeo an einen möglichen „Spaß“ stellt. Die zentrale Bedingung ist hierbei die absolute Unverbindlichkeit. Diese Bedingung entpuppt sich durch seine umständlichen Begründungen und das vehemente Insistieren als eigentliche Obsession von Gayromeo. Die Situation wird hierdurch paradox. Zwei Männer treffen sich für „unkomplizierten Spaß“, der eine ist enttäuscht, der andere offensichtlich durch den realen Anblick erregt. Der Enttäuschte bremst nun jeden Kontakt durch umständliche Bedingungen aus, während Paul auf alles einzugehen scheint, um zum Ziel seiner Erregung zu kommen. Pauls Prüfung endet mit einer kalten Begutachtung seines Körpers, die nicht zu seinen Gunsten ausfällt. An dieser Stelle wird die Szene nach dem dramaturgischen Prinzip von „Verstörung“ unterbrochen durch einen anderen Handlungsstrang. Als sie wieder einsetzt, ist Gayromeos Entscheidung gefallen: „Wir lassen das.“ Der Kontrast zwischen den Fotos im Netz und Pauls realem Aussehen verhindert die Möglichkeit, Paul doch annehmen zu können. Kein Sex ist für Gayromeo offensichtlich verlockender als die Erwartung von enttäuschendem Sex. Und inzwischen hat Paul durch die langwierige Examination seiner realen Erscheinung Potenzprobleme. Diese Anlaufschwierigkeiten führen bei Gayromeo zur endgültigen Ablehnung. Paul hingegen versucht die missglückte sexuelle Situation zu einer intimen umzudeuten. Die Differenz zwischen dem „A-meat“ Gayromeo und seinem eigenen Aussehen möchte er in einer echten Beziehung verschwinden machen. Er zwingt Gayromeo seine Freundschaft auf, mit der zweifelhaften Begründung, dass er doch einen Freund brauche. Der Zwang wird zur tatsächlichen Gewalt, er schlägt Gayromeo nieder, fesselt ihn und nötigt ihn in der nächsten und letzten Szene dieser Episode dazu, sein Freund zu sein. Dabei legt er ihm die Worte in den Mund, die er gerne von ihm hören würde. Die erzwungene Freundschaft bleibt, wie auch sonst, eine einsame Inszenierung von Beziehung. Statt eines Bildes im Netz sitzt der nun gefesselte und blutende Gayromeo vor ihm und bleibt eine tote Puppe seiner Phantasie.
Die Intimkommunikation hat seit ihrem ersten Auftreten in der frühen Neuzeit eine parallele Entwicklung zu den gesellschaftlichen Kommunikationsmedien durchlaufen . Ihr Beginn war von rhetorischen Figuren gekennzeichnet, deren Anwendung den Regeln des Anstands und der Bildung folgte. Das Raffinement, mit dem die zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel eingesetzt wurden, entschied über Erfolg und Misserfolg der Verführung. Klassische Beispiele sind die Verführungsszenen von Don Giovanni in den unterschiedlichen Fassungen von Tirso de Molina, Molière und da Ponte. Mit dem Erscheinen des bürgerlichen Subjekts verschiebt sich die Situation der Verführung. Das Regelwerk der Verführung wird ebenso wie der seinem Stand gemäße Charakter suspekt, und an seine Stelle tritt das bürgerliche Subjekt. Dieses steht vor der paradoxen Schwierigkeit, sein Inneres so zu kommunizieren, dass es wahr und verständlich zugleich erscheint. Der Gebrauch rhetorischer Figuren verbietet sich unter dieser Maßgabe. Allgemeine Formulierungen für einen individuellen Sonderfall zu verwenden dient der Selbstdarstellung als einzigartigem Wesen wenig. Zugleich kann das Subjekt nicht in eine Privatsprache verfallen, die zwar einzigartig, aber auch unverständlich wäre. Es muss also seine Seele, seine Gefühle, seine Einzigartigkeit so formulieren, dass sie verständlich und authentisch zugleich wirkt. Der Bürger muss sich seine Gefühle quasi anmerken lassen. Eine Betonung z. B. seiner Aufrichtigkeit würde gleich Argwohn wecken und eine zu geschickte Formulierung seiner Liebe ließe ihn als Don Juan erscheinen. Die Seufzer, das Ach, das Unaussprechliche, das „Je ne sais quoi“ wird zur Sprachfigur dieser Epoche. Die Liebe wird zur Passion. Denn nur wenn sein Gefühl den Liebenden dazu zwingt, dem anderen seine Liebe zu gestehen, ist sie glaubwürdig und verführt das Gegenüber, ihn ebenfalls lieben zu müssen. Der Selbstmord aus unerwiderter Liebe ist dann fatale Konsequenz einer Selbsterhöhung des subjektiven Gefühlshaushalts.
In der Moderne wird die so genannte romantische Liebe zum Maßstab und zur Selbstüberforderung aller Liebenden erklärt. Eine Kulturindustrie hat sich der Produktion dieser Ekstasen angenommen, um sie als Gefühlsware gewinnbringend handeln zu können . Jeder Mensch möchte nun Fühlen wie im Film und Liebe als eine Passion erleben, als gäbe es im Bereich der seelischen Fähigkeiten keine Unterschiede zwischen den Menschen, so wie sie im körperlichen allgemein anerkannt sind. Nicht jeder kann einen Marathon laufen, aber jeder glaubt wie eine Figur aus einem Film fühlen zu können. Die Verführung durch den Anschein der authentischen Passion ist wiederum in eine neue Phase gekommen. Die Kulturindustrie produziert inzwischen nicht nur die Vorbilder für authentische Gefühle, sie stellt auch in der Lebenswelt die Möglichkeiten zu authentischen Momenten zur Verfügung: romantische Abendessen, Reisen, Blumensträuße und Gedichtbände. So wie die rhetorischen Figuren abrufbar waren, sind die Zeichen für eine romantische Situation inzwischen inklusive des Überbietungszwangs standardisiert. Falk Richters „Verstörung“ spielt nun in einer Zeit, in der diese aufgenötigten Angebote zu einer umfangreichen Zerstörung intimer Kommunikationsmöglichkeiten geführt haben. Der gewählte Zeitpunkt, der heilige Abend vor Weihnachten ist allgemeiner Kumulationspunkt für die Erwartungen an überzeugende Menschlichkeit, der mit inflationären Angeboten der Kulturindustrie an authentischen Geschenken und Momenten entsprochen wird. Parallel zu den vorgefertigten Momenten der Authentizität verläuft die Verdinglichung des Gegenübers im virtuellen Verführungsraum des Internet. Der Andere wird zur Projektionsfläche des eigenen Begehrens. Das Phantasma, das im Internet-Nutzer entsteht, wenn er durch die millionenfachen Angebote der Seiten surft, steht in keinem realen Kontakt mehr zu den dahinter sich verbergenden Menschen. Und zugleich verbergen sich hinter den standardisierten Selbstdarstellungen Menschen, die im Hinblick auf die Regeln des Marktes ihr Selbstbild entwerfen. So driften die Wahrnehmung des Anderen und die Selbstdarstellung des Eigenen unendlich auseinander. Das Kennenlernen in der vom Netz vorgegebenen Form führt zu einem Abgrund zwischen Suchenden und Gefundenen. Im Suchenden entsteht aufgrund seiner einsamen Phantasie vor den Bildern und Sätzen ein Phantasma des Anderen, das mit diesem aufgrund einer doppelten Entfremdung nichts mehr zu tun haben kann. Denn zum ersten hat sich der Mensch schon zum Nutzer zugerichtet und damit von seinem einstmals unendlichen Selbst verdinglichend entfernt und dabei meistens zum Objekt sexueller Begierden stilisiert. Zum zweiten werden die Phantasien des Betrachters durch diese Selbstdarstellungen angeregt. Sie entwickeln sich dann nach ihrer eigenen Logik ohne die Möglichkeit des Realitätsabgleichs zu Phantasmen, die jede denkbare reale Begegnung als defizitär deklassieren. Die Enttäuschung, die in der Szene zwischen Paul und Gayromeo ausgeführt wird, ist dieser Art des Kennenlernens durch die mediale Vermittlung strukturell eingeschrieben. Der echte Mensch ist eine prinzipielle Enttäuschung in Zeiten des virtuellen Sexmarktes.
II. Liebe oder Im Ausnahmezustand
Mann und Frau führen ein Leben wie im Paradies. Sie sind erfolgreich, haben ein Kind, wohnen in einer sicheren und begehrten Wohnlage. Für jedes Hobby gibt es Freizeitangebote und die sozialen Kontakte halten keine bösen Überraschungen bereit, da alle, die hier wohnen, ähnlich glücklich Erwählte sind. Die Bösen, die Anderen leben auf der anderen Seite des Sicherheitszaunes, dort, wo niemand gerne ist und schon gar nicht freiwillig hin möchte. Mann und Frau leben im Ausnahmezustand ihrer Beziehung. Sie quälen sich mit Ängsten nicht zu genügen, herauszufallen, ausgestoßen zu werden, aus der Gated community ihres Konsumgefängnisses. Ihr Leben ist die Erfüllung eines Traums der bürgerlichen Gesellschaft. Sicherheit im Drinnen und Schutz vor dem unbekannten Draußen.
Wenige Worte haben einen so alarmierenden und staatstragenden Klang wie das Wort „Ausnahmezustand“. Es mag an Carl Schmitts Definition des Souveräns als Entscheider über den Ausnahmezustand liegen . Vielleicht ist auch der Widerspruch, der in dem Wort selbst formuliert wird, Ursache für die Beunruhigung, die von ihm ausgeht. Eine Ausnahme ist eine Durchbrechung der Regel und diese ist ihrem Wesen nach kein Zustand, sondern ein punktuelles Ereignis. Damit die Ausnahme die Regel auch bestätigt, tritt der Ausnahmezustand in Kraft. Und wer über die Entscheidungsgewalt verfügt, diesen zu erklären, muss von einer Position aus agieren, die mehr umfasst als nur den Geltungsbereich des Gesetzes. Der Ausnahmezustand ist ein besonderer Grenzübertritt, da er im Moment seines Inkrafttretens die Grenze selbst erst erschafft. Denn nur von der Perspektive des Gesetzes aus ist ein Ausnahmezustand notwendig, um die Bedrohung der Gültigkeit des Gesetzes abzuwehren. Und umgekehrt wird mit dieser Verteidigung das zu verteidigende Gesetz außer Kraft gesetzt. Hegel hätte gesagt, das Gesetz wird aufgehoben, um es zu bewahren.
Die Grenze zwischen dem Gesetz und seinem Ausnahmezustand ist eine Wiederholung aller Grenzziehungen moderner Systeme. Systeme konstituieren sich aufgrund ihrer Leitdifferenz, mit der sie sich selbst und ihre Umwelt voneinander unterscheiden. Im Vollzug dieser Unterscheidung von System und Umwelt wird die eine Seite wie die andere bezeichnet. Das bemerkenswerte an dieser Systembildung ist sein Charakter als doppeltes Ereignis: nur indem es sich von seiner Umwelt unterscheidet, konstituiert es diese als das Andere, und nur wenn es dieses andere als spezifisch Anderes bezeichnet hat, kann es diese Umwelt beobachten. Das Rechtssystem beobachtet menschliches Verhalten mit der Unterscheidung Recht/Unrecht. Ein Kuss auf der Straße ist für das Recht unsichtbar, solange er keinen Unfall provoziert. Beobachte ich die Umwelt unter der Perspektive gut/böse, sehe ich anderes, als wenn ich sie mit der Unterscheidung jung/alt, drinnen/draußen oder sozialistisch/kapitalistisch betrachte. Jede dieser Grenzen erzeugt einen anderen Beobachtungsgegenstand und strukturiert die Umwelt anders. Die Unterscheidung in Inklusion und Exklusion ist für moderne Gesellschaften zu einem zentralen Paradigma geworden. Als sozial gilt, was die Inklusion steigert und die Exklusion mindert. Möglichst viele Menschen sollen Zugang zu Bildung, Nahrung und Medizin erhalten. Doch die Unterscheidung erzeugt auch einen Teil, der auf der exkludierten Seite steht. Der allgemeine Weltzustand wird so beschreibbar als systematisches Patchwork von Zugehörigkeiten und Ausgrenzungen. Ich bin Autofahrer aber kein Golfspieler, ich habe Kinder aber keine Aktien, ich wohne auf dem Lande aber zur Miete usw. Die Evolution moderner Gesellschaften mindert die Grenzen zwischen allen Lebensbereichen und erhöht dadurch die Flexibilität des individuellen Lebensentwurfs. Im Gegenzug fallen die Bindungen an die Institutionen (Arbeitgeber, Sozialgesetze und Nation) und an die Menschen (Scheidung, Kleinfamilie und Singles). Die größte Angst des modernen Menschen ist somit eine paradoxe: er flieht jede unauflösliche Verpflichtung und fürchtet zugleich die Exklusion aus den für seinen Lebensentwurf notwendigen Systemen.
Die Leitdifferenz von Drinnen und Draußen bestimmt die Selbstbeschreibung des modernen Menschen. Nur wer drinnen ist, lebt menschlich, da Menschsein durch diese Zugehörigkeit definiert ist. Eine kollektive Angst, „aus dem System zu fallen“, nicht mehr dazuzugehören, draußen zu sein, bildet den Antrieb, die Grenze zwischen Drinnen und Draußen ständig zu überprüfen und sich durch die Grenzziehung seiner eigenen Zugehörigkeit zu versichern.
Ein Homo sacer wäre nach Giorgio Agambens Reformulierung ein Mensch, der sein Menschsein verloren hat, da er nicht nur auf der falschen Seite der Grenze lebt, sondern diese Grenze für ihn keine Realität mehr hat. Ein Homo sacer kann somit auch keine Hoffnung mehr haben, jemals wieder auf die richtige Seite der Grenze zu gelangen, da diese für ihn nicht mehr existiert. Ein solcher Mensch ist aus dem menschlichen Zusammenhang, der durch Grenzen und Gesetze gebildet wird, gefallen.
Die Angst vor der Auflösung der Grenze und dem damit irreversiblen Verlust der Zugehörigkeit manifestiert sich im Ausnahmezustand. Wer die Kraft nicht mehr aufbringt, jeden Tag erneut die Grenze zu ziehen und dadurch seinen Anspruch auf Dasein zu bestätigen, verliert seine Zugehörigkeit zum Innen. Je mehr Energie in die Aufrechterhaltung der Grenze geflossen ist, je wichtiger ihre ein- und ausgrenzende Funktion ist, desto angstvollere Bilder werden durch ihren drohenden Zusammenbruch evoziert. Und je fundamentaler die Funktion dieser Grenze für das Dasein des darin lebenden Menschen ist, desto kräftezehrender wird die tägliche Wiederaufrichtung des Schutzwalls gegen das von ihm ausgegrenzte Andere. Das politische Verfahren des Gleichgewichts aus Verschärfung der Ausgrenzungsmechanismen bei gleichzeitiger Hoffnung auf Inklusionsmöglichkeiten versucht diesen Zustand stabil zu halten. Geriete diese Balance in ein Ungleichgewicht, wäre eine Hysterisierung des Zugehörigkeitsgefühls die Folge, die in der Konsequenz in einem Ausnahmezustand münden würde. Die Grenze wäre nur zu erhalten, wenn sie aufgehoben würde. Die Situation der in diesem Ausnahmezustand lebenden Menschen wäre ein Kampf um die Bewahrung des Status quo. Ihre Handlungen wären determiniert von der Abwehr gegen das Draußen. Und dieses Draußen wird durch die Art der vorherigen Abgrenzung bestimmt. Es ist dämonisch, krank, fremd und unberechenbar, wenn die Grenzziehung genau dieses ausgrenzen sollte. Die Kommunikation im Ausnahmezustand wäre strukturiert von Argwohn gegen jedermann und blinder Sorge um sich selbst. Die Menschen wären gefangen in einem Ausnahmezustand ihres Lebens. Agambens These ist, dass die westlichen Regierungen das Prinzip des Ausnahmenzustands zu ihrem Regierungsalltag gemacht hätten. Die Frage ist, ob nicht die durch diese Regierungsbemühungen inkludierten Bürger längst einen individuellen Ausnahmezustand erreicht haben, in dem sich die Arbeit der Abgrenzung mit ihrem Selbstbild so verschlungen hat, dass die Außerkraftsetzung der Regeln jede Sekunde als Implosion droht.
III. Geld oder Unter Eis
„Unter Eis“ ist Teil des „Systems“, das Falk Richter in der Spielzeit 2003/4 an der Berliner Schaubühne initiiert hat. Das System hatte sich, wie jedes System, eine spezifische Funktion zugedacht. Seine Aufgabe war, die Unwissenheit der Theatermacher, die über ihre Gegenwart, in der sie leben, etwas erzählen wollen, zum Ausgangspunkt einer Erforschung der Welt zu machen. „Ich weiß es nicht, ich weiß es doch auch nicht …“ beginnt Richters Konzept des „Systems“, in dem er die Suche nach den „wirklichen“ Ursachen und Gründen hinter den verwirrend vielfältigen Phänomenen startet. Niklas Luhmann, der deutsche Vordenker der „Systemtheorie“, wünschte sich in einem Text der 80er Jahre einmal eine Kunst, die parallel zu seiner Erforschung der Wirklichkeit eine eigene, poetische Reformulierung seiner systemtheoretischen Erkenntnisse versuchen möge. In Rainald Goetz’ seit den 90er Jahren stark von Luhmanns Denken und Schreiben inspirierten Texten fand er einen ersten Autor, der seinem Wunsch folgte. Das System von Falk Richter konnte er leider nicht mehr erleben, da er 1998 gestorben ist. Die Reformulierungen von „Unter Eis“ hätten ihm vielleicht gefallen, wie das ganze „System“, Theater als Wirklichkeit beobachtendes und generierendes System bewusst zu machen.
In „Unter Eis“ treffen drei Unternehmensberater aufeinander, die unterschiedliche, emotionale Bindungen an ihren Beruf haben. Der Beruf des Unternehmensberaters ist der idealtypische Fall einer systemtheoretischen Anwendung. Die Systemtheorie geht davon aus, dass es Systeme gibt . Diese schließen sich gegen ihre Umwelt ab, um eine interne Komplexität zu ermöglichen. Der rasante Fortschritt der Wissenschaften seit dem 18. Jahrhundert ist nur so zu erklären, dass z. B. ein physikalisches Experiment nur unter den Kriterien des Experiments beobachtet wird und nicht auch unter moralischen Fragen oder persönlichen Vorlieben, ästhetischen Beurteilungen oder juristischen Gesetzen. Das politische System kann es dann in Reaktion darauf zu seiner Aufgabe machen, genau dieses zu befragen, um mit der Unterscheidung, ob ein solches Handeln gut oder böse ist, Einfluss zu nehmen. Es wird jedoch dadurch niemals den physikalischen Wert des Experiments, sein Ge- oder Misslingen beeinflussen können. Die vehemente Abschließung der einzelnen Systeme wie Recht, Wissenschaft, Politik, Religion, Familie mit ihren Intimbindungen und auch Wirtschaft beurteilte man vom Systemblick z. B. des Sozialismus aus als negativ und nannte sie dann „Entfremdung“, die durch eine Zerstörung der Systemgrenzen aufgehoben werden müsse. Das vorrangige Ziel war in dieser Beschreibung dann die Aufhebung der Grenzen zwischen Kapital und Arbeit oder, anders formuliert, zwischen Produktionsmitteln und Produktivkräften.
Der zweite evolutionäre Gewinn, den die Systemtheorie beschreibt, ist genau diese Möglichkeit, dass die Systeme sich wechselseitig auf ihre blinden Flecken hin beobachten und kritisieren können. Die Religion könnte nun zur sozialistischen Unterscheidung sagen, dass sie die Menschen nicht als Gotteskinder begreift, die christlichen Tugenden der Agape und Charitas ausblendet und durch zweckrationales Handeln (Enteignung, Umverteilung und Umerziehung) der göttlichen Gnade hybrid vorgreifen will. Der Unternehmensberater ist, wie man jetzt leicht sieht, ein systemtheoretischer Präzedenzfall, da er engagiert wird, um genau diesen Außenblick auf die innere Verfasstheit eines Unternehmens zu erarbeiten und zu formulieren. Er ist, im besten Falle, für das Unternehmen ein quasi göttliches Auge, das sämtliche blinden Flecken aufdeckt und hierdurch die latenten Strukturen explizit macht. Ein System im evolutionären Prozess ist auf diese fast immer schmerzhafte Bewusstwerdung seiner Lebenslügen (im therapeutischen System), seiner Sünden (in der Religion), seiner Spleens (im intimen System der Familie oder Liebe), seiner mangelhaften Bildung (in Wissenschaft und Schule) und seiner Krankheiten (Medizin) angewiesen. Die Unternehmen im System der Wirtschaft haben sich neben dem Markt, der mit seiner harten Unterscheidung von Gewinn und Verlust das Hauptregelmaß darstellt, eine Art Frühwarnsystem in Form der Unternehmensberatung geschaffen.
Paul Niemand, der älteste Berater in „Unter Eis“, beginnt überraschenderweise mit einer Erzählung seiner Kindheit. Er erinnert sich sehr präsent an seinen Vater, der in seiner kindlichen Wahrnehmung ein elendig überforderter Fluglotse auf einem gottverlassenen Flughafen war. Seine wirre Mutter ist ungleich weniger wichtig. Beiden gemein ist, dass beide Eltern ihn nicht sehen, nicht hören, dass sie „festgefroren [sind] UNTER EIS / die haben mich nur geboren, weil man das halt so macht, die lieben mich nicht, und deshalb werde ich immer rennen und laufen und suchen und schauen und stürzen und fallen und zerbrechen und schreien.“ Gefühlskalte Eltern, oder Eltern, die Gefühle nur behaupten, da sie glauben, ihrer fürsorglichen Rolle gerecht werden zu müssen, erzeugen bei ihren Kindern genau diese Selbstwahrnehmung des Unsichtbarseins, des nicht Vorhandenseins. Die Lücke im Ich des Kindes, das keine ursprüngliche Geborgenheit, kein Fundament für eine fraglose Existenzberechtigung hat, erzeugt eine Aktivität, die dieses unheilbare Loch zu füllen versucht. Der schmerzhafte Riss im Selbstbild des nicht geliebten Kindes ist dann der Ausgangspunkt für eine ziellose und darum neurotische Energie. Das Quantum, das Paul Niemand aufbringt, um sein Rennen und Stürzen zu durchleben, ist von der neurotischen Energie gespeist und daher enorm aber auch endlich, da diese Energie keinen Rückfluss in einer Befriedigung erfahren kann. Der Neurotiker hetzt solange einer schimärenhaften Erlösung nach, bis er ausgebrannt auf der Strecke bleibt. Auf dem Weg dieser Lebensflucht setzt die neurotische Energie alles daran, das vermeintlich erfülltere Leben der anderen Menschen zu zerstören. Er tötet alles, von dem er glaubt, dass andere es lieben könnten. Dass dieser Paul Niemand ein Unternehmensberater geworden ist, wirkt wie ein teuflischer Plan zur wechselseitigen Zerstörung seines Lebens, das versucht möglichst viele andere mitzureißen. Ihm zur Seite sind zwei jüngere Kollegen gestellt, die vorbildlich die Glaubenssätze des Beraterberufs aufgesogen haben. Ihre Grundenergie verhält sich spiegelbildlich zur neurotischen von Paul Niemand. Sie sind Hysteriker. Ihre Sprechkurve verläuft in stetigen Steigerungen und Aufschwüngen. Ihr Sprechen ist ein hysterisches, da es durch diese Bögen gerade eine Distanz zum Gegenüber wie zum Gegenstand des Besprochenen herstellt. Sie begreifen ihr Sprechen als Vollzug einer Selbstbefriedigung, die keinen Partner, kein Thema, keine Liebe braucht, um sich selbst zu fühlen. Ihr Verständnis von Beratung ist Selbstbefriedigung und damit das Gegenteil des systemisch verstandenen Beobachtens und Beschreibens. Die drei Berater haben so eine fundamentale Umwertung ihrer Aufgabe vollzogen. Der Ältere sucht in der Beratung Selbstzerstörung und Fremdzerstörung zu synchronisieren. Die Jüngeren verlassen ihr Gefängnis des Narzissmus nicht mehr und beschleunigen den Wechsel der Erregungen bis zur eigenen Auslöschung. Ob die Funktion des Unternehmensberaters diese Eigenschaften provoziert oder umgekehrt Menschen mit diesen neurotischen Anlagen diesen Beruf ergreifen, bleibt die ungelöste Frage, die „Unter Eis“ aufwirft.
Als vierte Figur tritt zum Ende ein Kind auf, 9 bis 13 Jahre alt, also vor der Adoleszenz. Es ist gekleidet wie Paul Niemand und wird auch durch zum Teil paralleles Sprechen als sein kindliches Alter Ego eingeführt. Dieses Kind verhält sich perfekt eingepasst in die Unternehmenskultur der Berater. Es bekommt die besten Zukunftsprognosen, die seine ältere Ausführung, Paul Niemand, nicht mehr bekommt. Während dessen junge Ausgabe bruchlos eingefügt wird, verrinnt sein Leben in der Beschleunigung der Kicks von Porno und Entlassungen. Die Obszönität der realen Auswirkungen, die in der Blase aus Hotels, Flughäfen und Sitzungen erdacht wird, errechnet sich in dem Aktiengewinn von „0,00000789 Prozent pro Mann“, den Paul Niemand entlassen hat.
Dass diese vier Berater dringend Rats bedürften, sei es göttlichen, therapeutischen oder familiären, ist mit Händen zu greifen. Und dass Berater keine Götter sind, die mit Excel-Tabellen und core values die Welt retten könnten, wird ebenso klar. Warum also, so fragt man sich zusehends, wird diesen Menschen und ihrem Beruf eine so hohe Relevanz zugeschrieben? Und die Antwort liegt im Monolog eines der beiden jüngeren Berater, Karl Sonnenschein, verborgen. Nach der Beschreibung eines ziemlich paranoiden Plans zur gegenseitigen Überwachung der Berater und zur schnellstmöglichen Aussortierung der nicht mehr effizient arbeitenden Kollegen, gerät er in das Thema staatlicher Subventionen. Dazu stellt er einige teuflisch kluge Fragen: Ob es nicht einfacher ist, die 100.000 Euro, die pro Arbeiter im Steinkohlebergbau jährlich vom Staat gezahlt würden, dem Kumpel einfach so in die Hand zu drücken, ohne gesundheitsgefährdende und umweltzerstörende Arbeit? Und ob Politiker, die in jeder Entscheidung von sensationsgierigen Medien und wankelmütigen Wählern, die fast immer zu ungebildet und unreif sind, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, ob diese Politiker mit ihren ungezählten lobbyistischen Abhängigkeiten eigentlich die richtige Instanz für Entscheidungen sind? Mit der Ausführung dieser Fragen entsteht tatsächlich ein Bedürfnis nach einer anderen Form der Entscheidungsfindung als der einer Massendemokratie. Ein systemtheoretischer Beobachter könnte ein Element in einer solchen Entscheidung sein. Die in „Unter Eis“ sich selbst darstellenden Berater sind dagegen eine abschreckende Option. Blind für sich selbst und den Gegenstand, gerät ihnen die Welt zu einer Excel-Tabelle und Sprache zu einer Ansammlung von Floskeln. Der Mensch ist nicht Gott und von daher ist dieser der einzige, der ohne Berater auskommen muss. Die Welt muss mit dem Unvollkommen zurechtkommen. Jedes System, das Anspruch auf eine alles bestimmende Meisterdifferenz erhebt, ist hybrid und darum zur Tragödie verdammt. Den blinden Fleck in der Unterscheidung von Gewinn und Verlust, der das wirtschaftliche System bestimmt, aufzuzeigen, wäre Aufgabe der Berater. Wenn diese ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind, muss in der Moderne ein anderes System diese Funktion übernehmen. Und das kann eben auch die Kunst sein.

|
|
|